Die Vorläufer des Karnevals reichen bis ins Mittelalter zurück. In Erfurt wurde bereits 1342 Karneval gefeiert, in Wasungen im Werratal nachgewiesen seit spätestens 1524: Eine Quittung aus dem Jahr belegt den Kauf eines Eimers Bier für die Mitwirkenden der Fastnachtsspiele.
Damals wurden Narrenfeste, bei denen kirchliche Rituale parodiert wurden, am 6. Januar gefeiert. Nach der Reformation gerieten die Feste jedoch in Vergessenheit. Erst ab dem 18. Jahrhundert kam die Tradition allmählich zurück. An den Fürstenhöfen von Weimar und Gotha waren nun Masken- und Tanzveranstaltungen sehr beliebt, die die Bevölkerung mit der Zeit übernahm. Diese höfische Tradition, die es vor allem im Osten Deutschlands gab, ist übrigens ein großer Unterschied zum rheinländischen Karneval, der das Militär parodieren sollte.
Die ersten organisierten Karnevalsumzüge fanden in den 1930er Jahren statt. In den 1950er und 1970er Jahren wurden zahlreiche Karnevalsclubs gegründet. Zu DDR-Zeiten waren die Karnevalsvereine ein beliebtes Ventil, um zwischen den Zeilen die Regierung zu kritisieren – damals gab es etwa 500 Vereine in Thüringen. Heute sind es immerhin noch mehr als 300 Karnevalsvereine mit rund 30.000 Mitgliedern, von denen fast jeder Verein seinen eigenen Karnevalsruf hat.
Was den ostdeutschen Karneval bis heute besonders macht: Er ist Laien-Sache. Büttenreden werden nach Feierabend geschrieben, Tänze in der Freizeit einstudiert, Wagen am Wochenende gebaut. Während der rheinische Karneval hochprofessionalisiert ist, passiert hier alles ehrenamtlich. Die Karnevalsvereine leisten damit einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt in Dörfern und Kleinstädten. Deshalb wollen ostdeutsche Karnevalsvereine ihre jahrhundertealte Tradition nun als immaterielles Kulturerbe anerkennen lassen. Die Bewerbung wurde im November 2025 beim Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur eingereicht, die Entscheidung dauert bis zu zwei Jahre.
Wasungen – die Stadt des Volkskarnevals
Wasungen gilt als eine der ältesten Karnevalshochburgen in ganz Deutschland und trug schon zu DDR-Zeiten den Titel Stadt des Volkskarnevals. Der traditionelle Karnevalsruf lautet Woisenge Ahoi! Statt eines Prinzenpaars führt hier ein Prinz Karneval den großen Umzug an, unterstützt von zwei weiblichen Pagen. Der Karnevalsumzug findet am Samstag vor Rosenmontag statt und ist ein zweistündiges Spektakel mit bis zu 2.000 Mitwirkenden und tausenden Zuschauern. Seit 2004 gibt es in Wasungen das Thüringer Karnevalsmuseum und zum 500-jährigen Jubiläum wurde sogar eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post herausgebracht.
Insgesamt gibt es jedes Jahr in der Karnevalssaison (die am 11.11. um 11:11 Uhr beginnt und am Aschermittwoch endet) rund 1.000 Veranstaltungen in Thüringen, darunter etwa 100 kleine und große Umzüge. Besonders beliebt sind neben Wasungen der Erfurter Karneval, der Karnevalsumzug in Neustadt an der Orla, Arnstadt und Sonneberg.
In einigen Thüringer Gemeinden gehört der Strohbär zum Karneval dazu. Dabei trägt eine Person ein selbstgemachtes Kostüm aus Stroh und wird vom Strohbärentreiber mit Frack und Zylinder durch den Ort geführt. Am Ende des Umzugs wird das Kostüm verbrannt.
Der Strohbär ist eine alte Tradition, die heute allerdings seltener geworden ist, denn durch moderne Erntemethoden bleiben kaum noch ausreichend lange Halme zum Binden des Kostüms übrig.
Zum Karneval gehört natürlich auch das richtige Essen. Zu Fasching kommen vor allem Zutaten auf den Tisch, die früher während der anschließenden Fastenzeit verboten waren und deshalb währenddessen verderben würden: Fleisch, Eier, Fett. Dazu zählen zum Beispiel Schweinefleisch, Speck und in Fett ausgebackenes Gebäck wie Pfannkuchen.

